IT&me auf der CHI 2019, 4.-9. Mai, Glasgow

Personas und Identität

Monika Pröbster setzte den Fokus ihres Vortrags auf Personas und die Komplexität ihrer Identitäten. Jeder Mensch hat viele Identitäten, die sich voneinander und von den Identitäten anderer unterscheiden. Wenn wir mit Personas arbeiten, wie zum Beispiel zur Umsetzung der IT&me-Plattform, dann ist es auch wichtig zu fragen, wie wir diese Komplexität an Identitäten einfangen können und in welchem Rahmen es sinnvoll ist.

Personas werden in der Softwareentwicklung (und auch in anderen Bereichen) dazu verwendet, sich modellhaft ein Bild von den potentiellen Nutzer*innen zu machen. Sie sind fiktive Personen, für die echten Nutzer*innen als Vorbild genutzt werden. Aus deren Eigenschaften, Wünschen und Anforderungen werden die Personas abgeleitet. Die Eigenschaften der echten Nutzer*innen werden abstrahiert und verdichtet und bilden so den Kern jeder einzelnen Persona. Designer*innen können so anhand mehrerer Personas besser verstehen, für wen die Software entwickelt wird. Ohne das Werkzeug der Persona besteht die Gefahr, dass Anwendungen entstehen, die nur auf eigenen Annahmen überdie Nutzer*innen basieren. Um diese I-Methodologie zu vermeiden, werden Personas erstellt, die auf empirischen Nutzungsdaten und Anforderungen direkt aus der Zielgruppe beruhen. Design- oder Funktionsentscheidungen können so aufgrund echter Verhaltensweisen und konkreter Bedürfnisse und Wünsche getroffen werden.

Herausforderungen bei der Konstruktion von Personas

Die Verwendung von Personas ist dabei nicht unumstritten. Studien zeigen dabei, dass wir auf Personas genauso reagieren wie auf reale Menschen. Wir ordnen ihnen sowohl individuelle Eigenschaften zu als auch Eigenschaften, Merkmale in Bezug auf Gruppenmitgliedschaften und sozialen Kategorien. Wir versehen sie mit einer sozialen Identität. Identitäten sind in der Regel komplex. Nun sind Personas an sich eine Essenz aus unterschiedlichen Vertreter*innen der anvisierten Zielgruppe. Dadurch entsteht die Gefahr, dass die Identitäten, die wir den Personas zuordnen, zu komplex oder zu stark vereinfacht sind. Zu hohe Komplexität ist für den Designprozess hinderlich und nicht praktikabel. Zu wenig Komplexität ist in erster Linie schwer zu bemerken. Denn zu stark vereinfachte Personas vermitteln lediglich das Gefühl, sie verstanden zu haben. Sie erzeugen bei Designer*innnen, Entwickler*innen Resonanz, und das nicht, weil sie besonders akkurat erstellt worden sind, sondern weil sie so vage sind, dass jede*r die eigenen Bilder und Vorstellungen, bis hin zu eigenen Stereotypen auf sie projizieren kann und es sich dadurch authentisch anfühlt. Umso wichtiger ist es, kritisch zu hinterfragen, wie Personas ihre Identitäten vermitteln, welche marginalisierten Bestandteile von Identität oder Identitäten verloren gehen und wann nur noch Stereotype übrigbleiben. Ebenfalls berücksichtig werden muss auch, ob die erstellten Personas wirklich eine sinnvolle Abbildung der Nutzer*innen sind oder ob es bereits an diesem Punkt zu systematischer Unterrepräsentation gekommen ist.

Eigene Studie zu Frauen in der ITK

Für die E-Learning- und Netzwerkplattform IT&me wurde eine Studie durchgeführt, die als Grundlage für die Entwicklung der unterschiedlichen Personas genutzt wurde. Im Mittelpunkt stand die Frage, “welche unterschiedlichen Identitäten – persönlich, sozial, beruflich – im Kontext der beruflichen Entwicklung von Frauen in der Technik relevant sind und wie ihre Schnittstellen zur Bildung von Personas verwendet werden können.” (Marsden, N., Proebster, M. 2019, 4; eigene Übersetzung) Bei der Datenerhebung wurde darauf geachtet, die Vertreterinnen der Zielgruppe so divers wie möglich auszuwählen, um möglichst viele Identitäten mit einzubinden. Die Studie zielte darüber hinaus darauf ab, “Personas zu schaffen, die die stereotype Zuweisung von Rollen minimieren.” (Marsden, N., Proebster, M. 2019, 11; eigene Übersetzung)

Das Fazit:

“Overall, our approach based on social identity can help presenting others in a way that is ethically responsible and does justice to the users (1) by offering a framework that acknowledges that the social groups a person belongs to creates a frame of reference that has an impact on their perception, behavior, etc. in a comprehensive way, (2) by showing that ignoring the dynamics of different social identities (and their intersections) lead to biases and personas that discriminate diverse populations, and (3) by showing how considering identity complexity of users can help overcome an egocentric bias and I-methodological approaches”.  (Marsden, N., Proebster, M. 2019, 11-12)

Die Ergebnisse fließen auch in die Entwicklung unserer IT&me-Plattform ein. Personas, die im Rahmen von IT&me erhoben und entwickelt wurden, werden in regelmäßigen Abständen aktualisiert und ergänzt. (Beiträge über das Leben von Personas finden Sie hier.)

 

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